Vorfreude

„Lies das mal vor!“ sagt meine Freundin und zeigt auf ein Schild mit hübschen Schriftzeichen an der Eingangstür zu einem Geschäft im japanischen Viertel in Düsseldorf. „Vorsicht Stufe!“ steht auf dem Aufkleber daneben. In Japan werde ich nichts mehr entziffern. Ich weiß, dass ich keine Fahrpläne lesen und mich nicht auf die gewohnte Art orientieren werde. Zur Einstimmung auf meine Reise schaue ich Filme von Doris Dörrie und lerne in einem Interview mit ihr, dass die Japaner_innen in Fukushima, wo sie ihren letzten Film drehte, mehr Schnitzel mit Mayo als Sushi auftischten. So viel zum Denken in Klischees oder Vorerwartungen. Mein Interesse gilt der Suche nach dem Erleben. Wie kann ich Alltägliches aufspüren, mit und jenseits von Manga und Anime oder an historischen Orten. „Kyoto ist wie Heidelberg, ein Schmuckkästchen“ sagt Doris Dörrie und bestärkt mich in dem Wunsch neben den 120 Tempel der Stadt nach Alltag zu suchen.

Ich finde Feeds auf Instagram und Facebook, die überquellen mit Sakura, den zarten Kirschblüten und besuche die üppigen Magnolien im heimischen Jacobigarten. #smallbuildingskyoto von @kyotojournal versammelt einzigartige Bilder von Nebenstraßen, Fassaden kleiner Teehäuser und Coffeeshops oder liebevoll gestalteter Wohnhäuser. Auf meinem Laptop begleiten mich die letzten beiden Ausgaben des Kyoto Journal, ein Fundus traditioneller und zeitgenössischer Kultur, und der Wanderführer Deep Kyoto Walks. Ins Handgepäck passt Vom Lob des Schattens von Tanizaki Jun’ichiro. Ein Buch welches schon seit vielen Jahren in meinem Bücherschrank steht.

Begeistert erzählt mir eine Bekannte von ihrer Reise nach Kyoto und sie kann, obwohl alles 12 Jahre zurück liegt, die Namen der Orte buchstabieren, die sie am liebsten mochte. Mir selbst rutschen die fremden Worte weg. Ich kann sie mir kaum merken. Ob sich das verändert? Ich höre Erzählungen von den Tempelanlagen in Nara und Ise und sehe das Leuchten in den Augen meines Gegenübers über die handwerkliche und so kunstvolle Ausarbeitung dieser Plätze. Ich möchte gerne einen Blick werfen auf den schüchternen Fuji, der manchmal zu sehen ist und sich doch meist in Nebel hüllt. An seinem Fuß werden wir einige Tage entspannen und wandern vor dem 10tägigen Miksang-Workshop in Kyoto. Ich werde meine Lehrer Michael Wood und Julie DuBose wiedersehen in dieser für uns neuen Welt und werde sicher tief eintauchen in die bunt gemischte Gruppe des Fotokurses, in die Stadt, in meine Wahrnehmung und in diese einzigartige Sprache der Fotografie, die jenseits von Schrift oder gesprochenen Worten uns einander vertraut machen wird.

Voller Vorfreude!*

*Das Erdbeben in Kumamoto holt uns abrupt in eine andere Realität der Vorbereitung. Japanischer Alltag!

Kommentar (1)

  1. Franziska

    Wunderbare Eindrücke, aufregende Abenteuer und im Gepäck viele Anregungen für Deine Arbeit als Miksang-Fotografin – das wünsche ich Dir.

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