Alleinsein und der Welt zuhören

Leidgeprüfte Partner_innen kennen es. Eben noch war die Situation zu zweit ein gemeinsames Erleben, ein Gespräch – der letzte Gedanke hängt noch in der Luft und möchte weitergedacht werden. Plötzlich holt das Gegenüber die Kamera aus der Tasche und ist aus dem Gespräch verschwunden. Das entspricht nicht den Regeln der Höflichkeit, zumindest wenn Kontakt bedeutet, sich einander zu vergewissern. Schön ist aber auch, sich sicher zu sein, dass die andere Person mit ihrer Aufmerksamkeit wiederkehrt, der Gesprächsfaden eine Weile in der Luft hängt, reift und weitergesponnen werden kann.

Da aber Gemeinschaft und Fotografieren sich eher widersprechen, ziehen Fotografierende gerne alleine los. Flanieren ist ein schöner Begriff für diesen Zustand des langsamen Spazierengehens und im Momentseins. Das ansonsten vielleicht sichere, kraftvolle Ich hinwenden ins Sehen, aufblättern in Offenheit. Mit dieser Kostbarkeit geht auch einher, Alleinsein zu empfinden. Gibst du deine klassischen Muster und Strategien auf, die Welt einzusortieren, so entsteht Intimität. Du hast den Mut, dich auf die Situation einzulassen, die Orientierung deiner Wertungen, die sichere Navigation deiner Einordnung abzulegen. Alleinsein oder seine Geschmacksrichtung Einsamkeit zu bemerken, ist ein gutes Zeichen. Sie sind die Wegbereiter für Berührbarkeit, für Resonanz, für das Empfinden, für Präsenz.

Alleinsein ist selbst gewählt und die Kamera darin eine wunderbare Legitimation, ohne Ziel unterwegs zu sein. Eine gute Freundin, die einen großen, sehr zufriedenen Hund hat, zieht sich zweimal täglich ihre dicken Schuhe an und ist in der Natur unterwegs. Vielleicht ist meine Kamera ähnlich einem Hund, mein Handeln hat durch sie einen nach außen legitimierten Rahmen. Werde ich manchmal von Menschen angesprochen, die argwöhnisch beobachten, was ich denn da fotografiere, dann behaupte ich sogar, ich sei in einem Fotokurs und habe eine spezielle Aufgabe bekommen. Sätze wie „Ich suche nach Farbe!“ oder „Mich begeistert die Reflektion auf dem Lack ihres Autos.“ hören sich scheinbar so ehrlich und absurd an, dass die Menschen davon ablassen, zu denken, ich sei die Vorhut einer Bande von Autodieben.

Zum Schreiben gehört unbedingt Alleinsein. Meine ideale Situation ist eine Reise in eine Umgebung, die mir ein Gefühl von Fremdsein vermittelt, eine leichte Verunsicherung, einen Spaltbreit Verschiebung meiner Gewohnheit. Das öffnet mich für Gedanken. Ich trage sie mit mir herum und füttere sie mit Erlebnissen. Noch nicht wissend, was ich ganz genau über etwas denken soll, und mich in diesen Zustand ein wenig ausdehnend.

Bei meiner letzten Reise nach Paris bin ich mit meinen Freunden abends im 18. Arrondissement unterwegs. Nahe der Metro sammeln sich Gruppen junger Männer, vermutlich Dealer. Nach dem Gedränge öffnet sich der Blick über weite Flächen verlassener Bahngleise. Brücken und mehr Brücken bilden wilde Strukturen. Mittendrin plötzlich Weite, ein Schwarm Vögel fliegt hoch. Dann wieder eine enge Straße mit einem afrikanischen Restaurant. Hinter den zarten Gardinen zeichnen sich schemenhaft die Personen ab. Ein ganzer LKW voller Minze. Der Kräuterhändler schenkt uns einige Zweige. Ich habe keine genaue Vorstellung, wo wir sind, weiß nur, dass ich am nächsten Tag wiederkommen möchte. Morgens studiere ich im Reiseführer die Hinweise zum Viertel und lerne, dass Goutte d’Or, auch Barbès genannt, als No-go-area gilt oder galt. Ich verhandele mit mir und denke darüber nach, was mich reizt, dort zu sein, wäge ab zwischen Sensationslust und Entdeckungsfreude. Schließlich komme ich mit mir überein, einen Spaziergang zu machen und nachzuspüren, wann ich präsent und offen sein kann und wann meine Wahrnehmung ins Klischee kippt. Es interessiert mich, mich an einem Ort alleine zu erleben, der vermeintlich fremd ist und zu Projektionen einlädt. Die Projektion zu entspannen und immer neu zur Offenheit zurückzukehren, ist mein Wunsch. Mir ist nicht klar, ob ich meine Kamera überhaupt aus der Tasche hole, denn Angst ist öfter eine Begleiterin von Alleinsein.

Goutte d’Or ist neben dem, was erzählt und geschrieben wird, ein ganz normales Wohnviertel. Am eindrücklichsten ist für mich der Sound der Stimmen in den vollen Einkaufsstraßen. Afrikanische und arabische Kultur. Ganze Tiere werden zum Verkauf angeboten. Mein spärliches Französisch lässt mich ahnen, dass an dieser Theke, die mitten auf der Straße steht, alle Teile vom Rind verkauft werden. Schweinefüße sind gestapelt, Rinderschädel ausgelegt. Männer rösten Erdnüsse und Kastanien. Einige Frauen in traditioneller Kleidung halten wenige violette Früchte in der Hand und bieten sie zum Verkauf an. Dieses Bild brennt sich auch ohne Kamera ein. Ich spüre immer wieder den Wechsel zwischen großer Aufregung und Wahrnehmung. Hilfreich ist mich auszuruhen, denn dann kehrt das Sehen zurück. Ich stelle mich neben die Frau mit den großen Einkaufstüten und gebe vor, auch auf jemanden zu warten. Mich selbst alleine zu erleben, eröffnet eine schärfere Beobachtung. Wie und wann kann ich in Resonanz gehen, wann beginnt Kontakt, wie kann ich der Welt zuhören, ihr begegnen.

Mein Spaziergang endet an diesem Tag im L’Institut des Cultures d’Islam. Ich werde so freundlich begrüßt und darf die Ausstellung über Kalligraphie anschauen, obwohl sie bereits vor einer Woche endete. Der Mann am Empfang vermittelt mir, das sei in Ordnung, denn es ist ja noch nichts abgebaut. Er spricht französisch, ich englisch. Völlig egal. Bienvenue!

Per Klick auf das erste Bild öffnet sich die Galerie als große Ansicht. / Click on the first image to look at the images in full screen.

Kommentare (2)

  1. Wunderbarer Text und stimmungsvolle Fotos! Beides ergänzt sich wunderbar und weckt wieder die Lust auf einen Ausflug nach Paris.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.