Herbst

Ich beende meinen Termin, verabschiede mich und trete hinaus in die herbstliche Stadt. 10 Minuten Fußweg nach Hause liegen vor mir.  Es hat ein wenig geregnet. Eine Welt voller Tropfen und Glanz. Blätter segeln durch die Luft. Ich spüre die Kamera in meiner Tasche. Meine Geschwindigkeit verlangsamt sich.  Etwas Schillerndes stoppt mich, Öl auf Blättern, alle Farben zwischen parkendem Auto und Gehweg. Ich nehme mir Zeit:  Sehen, Verstehen, Ausdrücken.  Mittendrin höre ich eine Stimme neben mir, die kommentiert, was ich sehe: „Die sollen sich was schämen, die Verantwortlichen kriegt man sicher nicht zu fassen.“ Ich ahne welche Kommunikation jetzt stattfinden könnte und halte als Antwort dem Sprecher den Screen meiner Kamera entgegen. Er kommt nahe, schaut genau und dreht sich dann wortlos und offensichtlich überrascht von meinem Bild.

Ich ziehe weiter, trödle durch die Straßen, lasse mich treiben von Wahrnehmung zu Wahrnehmung. Eine Zeitlang bin ich absorbiert davon nach unten zu schauen, dann überraschen mich die Farben einer Fassade, eines Baumes, die Linien eines Gerüstes.  Tropfen auf farbigen Blättern auf glänzendem Lack. Welche Schönheit diese Herbstfarben entfalten, wenn ich langsam werden kann. Noch vor wenigen Tagen habe ich Bilder gesehen von Anderen, auf denen das erste Herbstlaub zu sehen war, und dachte „Ok. Jetzt beginnt wieder diese Miksang-Jahreszeit. Überall Blätter in den Online-Gallerien.“ Eine leichte Abgrenzung schwang in meinen Gedanken. Ich werde nach etwas Anderem Ausschau halten, möchte nicht die gleichen Bilder machen. Heute lächele ich über mich selbst und denke wie absurd diese Idee ist, mich von meinem eigenen Erleben abgrenzen zu wollen, um Anders zu sein. Bin ich mit meiner Kamera in der Tasche den Wahrnehmungen im Alltag auf der Spur,  so ist es ein strenges Konzept darin ungewöhnlich, besonders und einzigartig sein zu wollen. Mich leitet, ein frisches Gefühl für meine Wahrnehmung zu empfinden. Auch wenn mich ein Blatt auf einem Auto an ein Bild erinnert, was Michael Wood gestern zeigte, so kann ich es sein, die von ihrer Wahrnehmung gestoppt wird, sie versteht und ausdrückt. Erwische ich mich dabei, dass ich denke genau so ein exzellentes Bild machen zu können wie mein Lehrer, so bin ich auf einem ‚slippery slope’. Meine Ambition ist infiltriert, ich bin nicht mehr mit Spaß im Moment, sondern längst unterwegs im dritten und vierten Gedanken, der über dem liegt, was ich erlebe. Meine Ambition in Miksang ist, mich meiner eigenen Wahrnehmung zu öffnen und sie so perfekt wie möglich abzubilden. So tauche ich ein in die Farbenfreude dieses Herbstes.

Am nächsten Tag bin ich erneut unterwegs zum Termin, betrachte vom Auto aus die Farben der Landschaft. Ich sehe drei- und mehrfarbige Bäume, deren Sonnenseite ablesbar ist. Ich halte an, um einen kleinen Spaziergang zu machen, möchte langsamer sein und näher an der Natur. Die Farbe eines ganz besonders roten Baumes stoppt mich. Er leuchtet durch die anderen hindurch. Ich versuche, den Weg dorthin zu finden, werde durch Zäune frustriert und spüre wie es kompliziert wird. Meine Gedanken sind damit beschäftigt, dorthin zu gelangen und zu überlegen, wie ich nun genau dieses Leuchten abbilden kann…  Mittendrin halte ich an, atme ein und aus: mich stoppte das Leuchten dieses Rot durch das Grün hindurch. Ich entspanne,  kehre zurück zu dieser Wahrnehmung, unterscheide wo sie beginnt und endet und Klick – drücke den Auslöser. Miksang ist einfach.

Gestern tauchte eine erstes Gefühl von Traurigkeit auf. Bald wird diese Schönheit des Herbstes enden. Aber ich weiß mit Gewissheit, ich werde mich in das Neue, was kommt, hineinlehnen.