Langeweile

Ich bin unruhig. Nichts greift so richtig, ich weiß nichts mit mir anzufangen. Die Hektik der letzten Tage klingt noch in mir nach. Ich bin wie rausgeschleudert und mir fehlt das Gefühl für das langsamere Tempo, für das Unterlassen von Aktivität. Als ersten Ausweg aus dieser Rastlosigkeit suche ich nach Anregung, ich möchte unterhalten werden. Langeweile ist dieser leicht nörgelnde und unzufriedene Zustand. Innerlich hin und hergerissen, wäge ich Möglichkeiten ab, als würde ich am Rand eines Schwimmbades entlang laufen, anstatt ins erfrischende Wasser zu springen. Ich könnte ja endlich mal. Ich sollte. Sinnvoll muss es sein, eine Maschine Wäsche bevor ich… Langeweile ist ein fragiles Befinden zwischen noch beschäftigt sein und zur Ruhe kommen. Ein Geschwindigkeitswechsel aus dem oft (zu) schnellen Tempo des Alltags. Entscheide ich mich für den Ausweg, für die Unterhaltung, für Couch, zappen, Ablenkung-her-damit, wohnt der verbrachten Zeit oft ein schaler Geschmack bei. Bleibe ich hingegen bei der Langeweile und dem echten, unentschlossenen Gefühl, halte ich es ein bisschen aus, so kann ich mich hinwenden zum Spüren des Augenblicks, zu den Sinnen, zum Erleben und vielleicht sogar – gewissermaßen auf der anderen Seite – zur Muße. Muße ist dieses erstrebenswerte Treiben im Wasser, die entspannten Präsenz nach der ich mich sehne. Sie bildet das willkommene Gegengewicht zum Rummel, zum Übermaß. Und nach meinem Eindruck stellt sich Muße nicht per Willen ein, sie kommt nur freiwillig. Eine zarte Stimmung.

Langeweile erlebe ich an diesem verregneten Ferientag. Das Buch ist ausgelesen. Es gibt nichts zu tun. Ich könnte die Wanderschuhe putzen (und mache es nicht), ich könnte etwas malen (und mache es nicht) oder den Regentropfen dabei zuschauen wie sie an der Fensterscheibe entlang laufen. Etwas eröffnet sich. Ich verbringe Zeit.

In der kontemplativen Fotografie sprechen wir davon, dass wir Langeweile wandeln und klares Sehen entsteht. Manch einer möge an dieser Stelle sagen: „Aber ich mag Langeweile sehr gerne, ich möchte sie gar nicht wandeln.“ Dies entspringt, so glaube ich, dem Wunsch der Geschwindigkeit des Alltags etwas entgegenzusetzen und ein langsames Tempo als Luxus zu genießen. Langeweile selbst ist jedoch nicht die Erleichterung von Stress. Sie ist eine Art Transit, ein Übergang. Anfangs noch ein unruhiges und ‚heißes’ Gefühl und dann, je mehr ich aufgebe, um so erfrischender und wohltuend ‚kühl’. Sein lassen, nichts tun – jedoch wach, nicht wegdämmernd oder mich hängen lassend. Es gibt viele Schattierungen zwischen der Aktivität der Leistungsgesellschaft und ihrer Kehrseite, der Erschöpfung. Langeweile kann ich verstehen als freundlichen Hinweis, als meinen Wunsch mal nichts zu tun, mich treiben zu lassen und zugleich da zu sein.

„Wenn wir nur willens sind zu bleiben – und zu bleiben und zu bleiben –, dann können wir jenseits der Langeweile endlich entdecken, was wirklich ist. Das ist der natürliche Prozess einfachen Wahrnehmens. Es liegt eine echte Freude darin, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Natürlich ist es nicht ganz leicht, sondern kostet Anstrengung, sich durch Gedanken und Erwartungen hindurch und darüber hinaus zu kämpfen – ganz besonders, wenn wir glauben, wir hätten schon alles gesehen.„
Michael Wood

Kommentar (1)

  1. Sehr treffend beschrieben, das Thema „Langeweile“… danke für den Text – regt zum Nachdenken an!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.