Überwältigend

Japantag in Düsseldorf. 700.000 Besucher werden in der Stadt erwartet. Auf dem Weg zum Rheinufer begegnet mir A. Nichts wie weg hier, sagt ihre Körperspannung: „Diese Menschenmassen. Ich muss nach Hause!“ Natürlich frage ich mich auf meinem weiteren Weg, was mich an so einer Veranstaltung fasziniert.

Je näher ich dem Rheinufer komme, umso mehr Jugendlichen gekleidet als Manga und Animé-Figuren begegne ich. Sie sehen aus, als seien sie Comics oder Zeichentrickfilmen entsprungen: martialisch und fantasievoll, bunt oder gruftig, romantisch, opulent in ihrer Erscheinung. Viele posen in Richtung der Objektive der Fotograf_innen, die ebenso Teil der Inszenierung sind. (Meist) Männer mit Spiegelreflexkamera und Teleobjektiv stehen ganzen Gruppen von diesen kunstvollen Figuren gegenüber. Ich beobachte aber auch eine Frau, die mit ihrem Smartphone am Geländer lehnt und ganz entspannt Vorübergehende fragt „Hey, kann ich mal ein Bild von dir machen?“ Die Angesprochenen bleiben stehen. Klick. Wer jemals Scheu hatte Menschen zu fotografieren, kann sie hier überwinden.

Das traditionelle Japan zeigt sich: Frauen und Männer in Kimonos gekleidet. In einem Zelt, vor der Sonne geschützt, wird Ikebana präsentiert. Ich überlege immer noch was ich inmitten dieser Menschenmasse eigentlich will. Ich bewege meine Kamera in der Hand und eine Frau posiert für mich. Wortlos der Kontakt, ein Lächeln als gegenseitiger Dank. Ich lasse mich treiben, finde mich ein, verweile. Ich mag es mich an überwältigenden Orten zu „erden“. In dem Zuviel an Eindrücken, an Lautstärke, an Drängeln, finde ich Ruhe und Anwesenheit. Ich bin geschickt darin mich unsichtbar zu machen. Am Rand des Gedränges ist ein Fleckchen Platz. Der Kontakt zwischen den Menschen, die in einem Zelt konzentriert, geschickt und freundlich Origami üben, berührt mich.  Eine Haarlocke wirkt poetisch. Am Zeltdach unter dem eine Kimono-Anprobe stattfindet, stoppt mich der hübsche Schatten der Bäume über dem historischen Kimonostoff. Mehrere Frauen kalligrafieren auf Wunsch ein Wort. Ich wünsche mir ‚Stille’ – das erste Wort was mir spontan einfällt. Die Japanerin lacht und schreibt die hübschen Zeichen mit tiefschwarzer Tusche.

Ich entwickle Stabilität im sinnlichen Erlebens inmitten der äußeren Unruhe. „Lean in – whatever happens.“ ist ein zentraler Hinweise meines Lehrers Michael Wood im Rahmen der Miksang Trainings. Je komplexer die Situation ist, in der du dich bewegst, umso intensiver versuchst du Halt und Sicherheit zu gewinnen. Sei diese Komplexität eine visuelle Intensität, eine Menschenmenge, ein Geräusch oder Fremdheit. Vielleicht ist es aber einfacher dieses Bedürfnis aufzugeben. Der Weg durch die Tunnel der Pariser Metrostation Les Halles – von einem Gleis zum nächsten – durch nicht enden wollende Tunnelröhren voller Menschen. Der Kopf sortiert und checkt in Hilflosigkeit. Ein völlig nutzloser Versuch etwas unter Kontrolle zu bringen: die Angst ich könnte Angst bekommen, es könnte mir zu eng werden. Nicht auszudenken es könnte hier etwas passieren… genau: nicht auszudenken! Also nehme ich es wie einen Rausch, ein wildes Erleben von Überwältigung. Ich habe die Wahl mich zu entspannen indem ich offen bleibe für mein Erleben, etwas schlicht bemerkenswert finde oder eindringlich.

An manchen Orten übe ich mich gerne in dieser Herausforderung von Komplexität, von Überdosis, von Fülle. Ich lasse mich völlig ein auf den Moment und dann wieder kann ein leises Bauchgefühl die Situation jäh beenden. Dem gehe ich immer nach. Plötzlich ist es genug. Irgendwo in Amsterdam auf einem Platz – ich hatte nicht einmal eine Ahnung wo ich mich aufhalte – fotografierte ich fasziniert und lange Skater in ihren Bewegungen und dann schlich sich das dringende Gefühl ein, ich sollte sofort gehen. Wo zu viel Alkohol im Spiel ist oder größere Gruppen dominieren fühle ich mich nicht wohl.

Beim Japantag war es einfach nach zwei Stunden genug. Ich bemerkte, dass meine Offenheit sich veränderte in eine Jagd nach Motiven – ein Zeichen von Müdigkeit und Zeit für eine Pause!

„Du solltest mal mit mir nach Indien reisen. Das ist überwältigend!“ höre ich Minka sagen. Sie ist Reiseleiterin und navigiert durch Indien, Nepal und Tibet. „Ich denke oft an dich, wenn ich dort bin. Alle Sinne werden überflutet: intensive Farben, umwerfende Gerüche und es ist laut! Den Fotoapparat lasse ich dort oft in der Tasche, weil ich nicht weiß wie sich festhalten läßt, was ich erlebe.“

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