Wenn wir den Duft von Frische verlieren

DSC02160Julie DuBose, Februar 2014,

Übersetzung Hiltrud Enders

Beim Ausüben der kontemplativen Fotografie gelingt es uns manchmal nicht den Zugang zu finden zu der Erfahrung weit offen und erreichbar zu sein. Zu dem Gefühl, durchdrungen zu werden von dem, was wir sehen, pur, ohne doppelten Boden, unbequem und kantig, gleichzeitig seltsam beschwingt – vielleicht sogar auch dankbar. Wenn wir denken, wir loten diese Art direkten Sehens wirklich aus und es gelingt uns, auszudrücken was uns erreicht, fühlt es sich plötzlich und unvermittelt flach an, uninspiriert. Es spricht uns nichts an. Wir fühlen uns allein, isoliert in unserer Welt, machen uns Gedanken darüber, wie wir erleben oder auch wie wir nicht erleben. Ein unbestimmtes Gefühl der Enttäuschung und des nicht Verbundenseins. Wir sind nicht so entspannt und offen, wie wir dachten. Wer kennt das nicht? Vermutlich beschäftigt dies uns alle von Zeit zu Zeit. Wir fühlen uns abgetrennt von der Kraft und Leidenschaft. Wir sehnen uns danach doch wir wissen nicht, wie der Zugang gelingen kann.

Was kannst du machen? Ich ‚checke ein‘ in mein Denken und bemerke meist, dass ich zu streng bin mit mir selbst. Ich erwarte Leistung und Zufriedenheit, habe eine anspruchsvolle Vorstellung von dieser Miksang-Sache. Das Gegenmittel zu dieser Härte ist nicht übermäßig „freundlich“ zu mir zu sein und zu fotografieren was auch immer ich sehe und es für gut genug zu halten, denn „ich bin ja dem treu, was ich sehe.“ Vielmehr gilt es den Teil unseres Denkens aufzugeben, der uns hart urteilen lässt. Verhandeln wir mit diesem Denken, so zieht es uns nur weiter in einen Strudel der Selbstabsorption. Wenden wir unsere Aufmerksamkeit von unseren Gedanken zu unserem Körper und zur Gegenwart, so sind wir wieder da.

Durch die Erfahrung im Umgang mit unseren Hindernissen und deren Entstehen, entwickelt sich das Vertrauen in unsere Fähigkeit, frisch zu sehen und in ein Gefühl für frische Wahrnehmung. Wir kennen diese Art von Wahrnehmung, die plötzlich und abrupt wie aus dem Nichts zu uns kommt, uns trifft. Wir haben sie erlebt die Intensität, das Potential, die Absorption, die Brillanz, alle diese Bezugspunkte der Erfahrung des direkten Sehens. Erleben wir also Unklarheit oder Unsicherheit über das, was wir sehen, so können wir eigentlich sicher sein, dass unsere Erfahrung nicht so intensiv, so klar ist, wie es möglich wäre.

Direkt Sehen ist Sehen ohne Bedingung, weit offen. Es ist kein persönliches Projekt, keine Jagd, keine Agenda, kein Tor. Es ist einfach, aber das bedeutet nicht, dass es immer leicht ist. Wir müssen daran arbeiten. Wirklich erreichbar sein, um zu sehen ist keine Stimmung.  In erster Linie geht es darum, dass und wie ich sehe. Offen sein für meine Stimmung und für meine Gedanken über meine Stimmung, mein Gefühl der Frustration, meine Gedanken über meine Frustration. Wenn wir anerkennen, dass wir in dieser uns eigenen Feedback-Schleife stecken, so haben wir bereits eine große Veränderung vorgenommen. Die Filterung oder Blockierung unserer Sicht kann sich auflösen. Offenheit beginnt. Wir haben uns von der Fokussierung von einem begrenzten Blick auf einen weiten Blick neu ausgerichtet. Orientierung geschieht neu. Können wir loslassen, so sind wir in der Lage neu empfänglich zu sein für unsere Umgebung.