Funkloch

Kein Netz! Ich war vorbereitet. Nicht das erste Mal reiste ich an diesen Ort. In den Tagen zuvor informierte ich gewissenhaft darüber, dass ich für eine Woche offline sein werde. Als Freiberuflerin schien mir dies wichtig, da ich mittlerweile während jeder Reise erreichbar bin. Ich antworte auf mails, lese regelmäßig ob Handlungsbedarf besteht. Das ist einfacher, als bei der Rückkehr einem Berg an e-mails und Informationen gegenüber zu sitzen. Ich freute mich auf die Reise in eines der letzten Funklöcher Deutschlands und bemerke doch als ich ‚Kein Netz’ auf mein Smartphone lese, eine gewisse Unruhe. Es gab schon – so wird berichtet – Besucher_innen, die panisch wurden.
In meinem Reisegepäck ein Buch mit Vorschlägen zum Minimieren von Kommunikation im Arbeitsalltag und dem Umgang mit Zeit in Gruppen und Meetings. Das Ziel ist natürlich immer, Zeit mit dem zu verbringen, was wichtig ist und ein hohes Maß an Konzentration zu finden. Ich reflektiere während dieser Tage was ich lese und bemerke, dass ich dadurch vorab beurteile was eine Aktivität mir verspricht. „Selbstoptimierungswahn“ nennt eine Freundin das. Noch besser, nützlicher, effektiver – selbst in einer freien Woche beeinflusst das und lässt mich die Zeit einteilen. Ich erwische mich bei Gedanken wie „Gehe ich in die Sauna oder komme ich endlich (!) dazu mein Buch zu Ende zu lesen?“ Wieso nicht Sauna und Buch? Ich steuere gegen und mache einfach was sich ergibt. Dadurch bewege ich mich über die eigene Komfortzone hinaus und bemerke eingefleischte Gewohnheiten. Zeit verbringen, verstreichen lassen, ihre Unbegrenztheit spüren. Was für eine großartige Verschwendung den Tag nicht nach Nützlichkeit zu gliedern. Wir wandern bei Regenwetter im Wald und spüren den weichen Boden unter den dicken Schuhen. Einmal kreuzt eine Gruppe dunkler Rehe in Sekundenschnelle unseren Weg. Oft sehen wir die Spuren von Wildschweinen. Eine Woche lang kein Alltagslärm. Ich empfinde es als puren Luxus. Auf Regen folgt Schnee und am übernächsten Morgen erstrahlt die verschneite Landschaft im Sonnenschein. Winter im Frühling.

Auf dem Rückweg im Zug, sortiere ich völlig versunken die Informationen, die während meiner digitale Abwesenheit ankamen, in meinem Smartphone in to-do Listen, bis mich die laute Stimme meiner Nachbarin unterbricht: „Schinkenbrötchen?“ Sie bricht eine ganze Banane samt Schale in der Mitte durch, um sie mit mir zu teilen und lacht so laut über sich selbst, dass die Ruhezone des ICE unterhalten wird. „Wie erkenne ich eigentlich, dass ich in Duisburg bin?“ fragt sie und wir bilden eine Gemeinschaft für die nächsten Stunden. Sie sitzt auf ihrem Platz und reist. Nicht mehr und nicht weniger. Voller Vorfreude auf ihr Ziel und völlig da.