Denken wie die Wogen, die auf dem Meer treiben

“Einer der wesentlichsten Faktoren in der Ausübung des Bogenschießens und jener anderen Künste, die in Japan und wahrscheinlich auch in anderen fernöstlichen Ländern ausgeführt werden, ist die Tatsache, daß sie keinen nützlichen Zwecken dienen, auch nicht zum rein ästhetischen Vergnügen gedacht sind, sondern eine Schulung des Bewußtseins bedeuten und dieses in Beziehung zur letzten Wirklichkeit bringen sollen. So wird Bogenschießen nicht allein geübt, um die Scheibe zu treffen, das Schwert nicht geschwungen, um den Gegner niederzuwerfen; der Tänzer tanzt nicht nur um rhythmische Bewegungen des Körpers auszuführen, sondern vor allem soll das Bewußtsein dem Unbewußten harmonisch angeglichen werden.
Um wirklich Meister des Bogenschießens zu sein, genügt technische Kenntnis nicht. Die Technik muss überschritten werden, so daß das Könnens zu einer “nichtgekonnten Kunst” wird, die aus dem Unbewußten erwächst.
In Bezug auf das Bogenschießen bedeutet dies, daß Schütze und Scheibe nicht mehr zwei entgegengesetzte Dinge sind, sondern eine einzige Wirklichkeit. Der Bogenschütze ist nicht mehr seiner selbst bewußt, als stünde ihm die Aufgabe zu, die Scheibe vor ihm zu treffen. Dieser Zustand der Unbewußtheit wird aber nur erreicht, wenn er von seinem Selbst vollkommen frei und gelöst ist, wenn er eins ist mit der Vollkommenheit seiner technischen Geschicklichkeit. Dies ist etwas vollkommen anderes als jeder Fortschritt, der in der Kunst des Bogenschießens erreicht werden könnte.

Der Mensch ist ein denkendes Wesen, aber seine großen Werke werden vollbracht, wenn er nicht rechnet und denkt. “Kindlichkeit” muss nach langen Jahren der Übung in der Kunst des Sich-Selbst-Vergessens wieder erlangt werden. Ist dies erreicht, dann denkt der Mensch und denkt doch nicht. Er denkt wie der Regen, der vom Himmel fällt; Er denkt wie die Wogen, die auf dem Meer treiben; er denkt wie die Sterne, die den nächtlichen Himmel erleuchten; wie das grüne Laubwerk, das aufsprießt unter dem milden Frühlingswind. Er ist in der Tat selbst der Regen, das Meer, die Sterne, das Grün.
Hat der Mensch diese Stufe der “geistigen” Entwicklung erreicht, ist er ein Zenmeister des Lebens. Er bedarf nicht wie der Maler Leinwand, Pinsel und Farben. Er bedarf nicht wie der Bogenschütze Bogen, Pfeil und Scheibe oder anderer Ausrüstung. Er hat seine Glieder, seinen Körper, Kopf und ähnliches. Sein Zenleben drückt sich durch all diese “Werkzeuge” aus, die wichtig als seine Erscheinungsformen sind. Seine Hände und Füße sind die Pinsel, und das ganze Weltall ist die Leinwand , auf der er sein Leben siebzig, achtzig, neunzig Jahre aufmalen wird. Dieses Bild heißt “Geschichte”.

Daisetz T. Suzuki, Ipswich, Massachusetts, Mai 1953
Einleitung zu Zen in der Kunst des Bogenschießens, Eugen Hellriegel, Curt Weller Verlag

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *