Muße

„Ach, dafür bräuchte ich mal Zeit und einen Moment der Muße!“ Diesen Satz höre ich mich selbst sagen und verbinde den Gedanken an Muße mit früheren Tagen (Bin ich wirklich schon so alt?). Als hätte ich früher mehr Muße gehabt. Semesterferien in denen wir sorgfältig die Wohnung renovierten – heute strengt mich schon der Gedanke an Renovierung an. Mehrere Bücher einer Autorin hintereinander lesen, um ein Gefühl für ihr Werk zu bekommen. Bis in die tiefe Nacht an einer Zeichnung arbeiten und Raum und Zeit komplett vergessen. Die Kraft des Moments liegt im Versunken-Sein. Heute fühle ich mich bestimmt von schnellen Taktungen, von todo-Listen, die den Arbeitsalltag bestimmen aber auch bis weit in die sinnvoll zu verbringende, arbeitsfreie Zeit hineinreichen.

In meiner wichtigsten kollegialen Arbeitsgruppe verweigern wir schon seit geraumer Zeit den Ansatz noch effektiver arbeiten zu sollen und schauen statt dessen, was das Arbeitsleben müheloser macht. Es ist nur eine leicht veränderte Richtung, jedoch innerlich ein deutlich verschobener Wert – der auch bedeutet Muße nicht zu unterscheiden in Arbeitsleben und Freizeit.

Bei der näheren Beschäftigung mit ‚Muße‘ stoße ich auf Prof. Dr. Stefan Schmidt, der Muße als eine „angenehm empfundene Gegenwartsausdehnung“ beschreibt, sowie „als eine innere Bereitschaft und innere Bewusstseinsfähigkeit in der Gegenwart zu verweilen, um schließlich Ruhe zu finden, wenn die Welt Ruhe anbietet.“ Ich lerne, dass in verschiedene Regionen im Gehirn die Fähigkeit zum Innehalten (präfrontaler Cortex) und dem Gegenteil, der permanenten Zerstreutheit (Default Mode Network System) lagern. Beides kann man trainieren. Trainiere ich das Innehalten, so schaffe ich den Raum für kreativen Ausdruck. Ich erlebe auch umgekehrt, dass ich mich durch die Fotografie von Hetze und Zerstreuung distanziere und Muße empfinde. „Eine Sache zu einer Zeit!“.

Muße ist ein scheues Geschöpf. Sie lässt sich nicht erzwingen, forcieren. Ich kann einen Rahmen vorgeben, der sie begünstigt, aber sie stellt sich freiwillig ein. Mich begeistert bei der Betrachtung von Muße der Freiheitsgedanke. Zeit verbringen ohne Zweck, entspannt, gelassen. Mir selbst genug sein, auch wenn es nicht nützlich ist. Mich in die Gegenwart hinein lehnen, mich körperlich spüren. Eine Idee haben und ihr nicht nachgehen, einen Impuls spüren und ihm nicht folgen. Als besonders kostbar erlebe ich, wenn ich dies gemeinsam mit anderen Erleben darf.

Auf meiner letzten Reise nach Griechenland ging für einige Stunden der Koffer einer Freundin verloren. Es brach Hektik aus, nach engagierten Telefonaten und fieser Anspannung, wurde der Koffer gefunden und im Hafen von Aegina sichergestellt. Anschließend warfen alle Beteiligten – ohne großartig darüber zu sprechen – ihre Pläne für die Gestaltung der nächsten Tage über Bord und wir verbrachten gemeinsam unsere Zeit auf Méthana, einer bezaubernden Halbinsel des Peloponnes: schlendernd, fotografierend, schwimmend, Backgammon spielend. Wir erkundeten den Ort, wie aßen gut, hatten viel Spaß. Schließlich fuhren wir mit der Fähre wieder zurück nach Aegina, holten den Koffer und machten uns gemeinsam auf den Weg nach Athen und nach Hause. Gemeinsam dehnten wir uns in der Gegenwart aus.

Zwei Bildergalerien zeigen das schöne Griechenland. Bevor du dir die Bilder anschaust, gestatte ich mir den Hinweis: ich habe fast alle Bilder von Personen mit einem privaten Setting versehen, was nur über einen speziellen Link erreichbar ist, den ich leider hier nicht veröffentlichen kann. Eine Hommage an die Unsicherheit im Umgang mit der neuen Datenschutzverordnung.

Bilder von Aegina
Bilder von Méthana 

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