radikaler, politischer oder hilfsbereiter

Mit einem aufmerksamen, kontemplativen Alltag, wird der Begriff Achtsamkeit verbunden – eine etwas romantische Note inklusive: „Seien Sie achtsamer für die kleinen Dinge des Alltags, so werden sie glücklicher.“ Ich möchte dem gerne entgegensetzen, dass ein achtsameres Leben, in dem ich aufmerksam bin für das, was um mich herum geschieht mich auch radikaler machen kann, politischer oder hilfsbereiter. Vielleicht je nach Tagesform etwas von allem. Bin ich mit meiner Kamera unterwegs, so kann ich erleben, dass ich mich aus der schnellen Welt des Konsums in den Städten, der Welt in der die Eile zuhause ist, heraus bewege und eine Art Parallelwelt der Langsamen betrete.
In der Kölner Südstadt drückte mir eine Frau eine Packung Hundefutter in die Hand mit der klaren, knappen Ansage „Könnse mal aufmachen! Isch krieg dat nich hin.“ Es stellte sich heraus, dass sie auf routinemässiger Futtertour war. Immer wenn sie für sich einkauft, füttert sie auch die Hunde der Obdachlosen im Viertel.
Vor meinem Arbeitsraum lernte ich den alten Mann kennen, der eine Gruppe Krähen füttert und mit ihnen kleine Kunststücke vorführen kann. Sie ärgern und zwicken seine Hunde und begleiten ihn regelmäßig vom Park bis vor seine Haustür. Es kann sein, dass mich bei so einer Begegnung auch ein Hauch Einsamkeit des Gegenübers anweht. Aber ebenso kann Freude entstehen. An einem anderen Tag hätte ich ihn den Krähenkünstler sicher gar nicht bemerkt auf meinem fixen Weg nach oben.
Ich erlebe viele solcher Begegnungen, wenn ich fotografiere. Warum schreibe ich darüber? Bist du neugierig auf die Welt, entwickelst du Offenheit, dann rechne auch damit, dass sie dir begegnet – so wie sie ist. Diese Schulung zu klarem Sehen birgt auch jenseits von intensiven Seherlebnissen und vielleicht beeindruckenden Fotos die Chance oder die Gefahr, dass du tatsächlich im Moment ankommst und ein Teil davon wirst. Dass Kontakt geschieht und du dich berühren lässt von der Frage, was du gerne dazu beitragen möchtest, dass diese Situation gut gestaltet ist. Ich habe übrigens durchgängig gute Erfahrungen und kann scheinbar Argwohn schnell entwaffnen. Letztens machte ich auf der Kirmes eine technisch knifflige Aufnahme, auf die ich etwas Zeit verwendete. Im Weggehen bemerkte ich, dass einer der Schausteller ganz freundlich und geduldig auf mich wartete, um hinter mir abzusperren, denn ich war versehentlich in den Bereich der Wohnwagen spaziert.

Lies diese Definition von Achtsamkeit

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