Roadtrip

Vor einigen Jahren bereiste ich mit einer Freundin die Westküste Kanadas. Wälder und offene Landschaften säumten die kleinen Landstraßen auf dem Weg zu unserem Ziel, einer Hütte am See. Wir setzten mit einer Fähre über, die Straßen wurden kleiner und enger, die Häuser weniger, das Ziel rückte näher. Genauso hatten wir es uns gewünscht. Wilderness!

An diesem Tag fuhr ich den Mietwagen. Es war bereits dunkel. Christina las die Karte und ordnete die Wegbeschreibung ein. Es war die Zeit lange, lange vor Smartphone und Navigation. Wir bogen ab. Plötzlich tauchte in der engen Straße ein Auto hinter uns auf. Unser Wagen war vom hellen Scheinwerferlicht geflutet. Warum fährt in dieser verlassenen Gegend, in der wir schon lange Zeit niemandem begegnet waren, ein Auto hinter uns. Es saßen mehrere Personen in dem Auto. Die Fantasie ging mit mir durch und die Angst hatte mich im Griff. Wir fühlten uns gehetzt, konnten nirgendwo anhalten oder zumindest in der Dunkelheit keine Möglichkeit erkennen. Ich fuhr in voller Konzentration, Christina las die Zeichen und Hinweise aus Karte und Wegbeschreibung entlang des Weges. Unsere Kommunikation war knapp, präzise und ebenso erlaubten wir uns unsicher zu sein. Links neben der Straße ging es abschüssig zum See runter und rechts lagen vereinzelt Einfahrten zu den Ferienhäusern am See, die steil den Berg hochführten. Es war klar, dass man eine solche Einfahrt beherzt und mit Schwung hochfahren musste. In meiner Fantasie, mich von diesem Wagen verfolgt, von den Menschen bedroht zu fühlen, galt es auch die Einfahrt ohne zögern zu nehmen, um den Eindruck zu vermitteln hier zu Hause zu sein. Plötzlich sagte Christina so etwas wie „Jetzt!“ oder „Hier!“ und ich lenkte den Wagen 100 % in die steile Rechtskurve. Unsere ‚Verfolger’ fuhren weiter, die gleißende Helligkeit der Scheinwerfer verschwand und ich fuhr in völliger Dunkelheit den unbekannten Weg hoch. Das Herz schlug mir bis zum Hals.

Wir waren richtig. Alles bestätigte sich. Das war unsere Hütte. Meine Freundin bezog die Hütte und mein Zuhause wurde ein kleiner Raum, der etwas abseits auf dem Grundstück lag. Er war nur etwa doppelt so groß wie ein Bett mit zwei großen Panoramafenstern. Im Rücken hoher, dichter Wald mit einem weitem Ausblick auf den See, den ich am nächsten Morgen genießen konnte. In dieser Nacht dröhnte die Stille. Das Blut rauschte in meinem Kopf, ich konnte spüren wie Adrenalin mein System durchdrang.

Am nächsten Morgen beim Tee auf der Terrasse beglückwünschten wir uns lachend zu unserem großartigen Teamwork. Wie viel einfacher hätte jedoch diese Ankunft ohne die Angst-Fantasie sein können.

Auch in den nächsten Nächten spürte ich, wie mir die Natur Angst machte, eigentlich war es diese tiefe Stille des Ortes, die ich fürchtete. Wir machten Pfannkuchen, Ausflüge, schwammen im See, paddelten mit den Kajaks und ich erinnere mich, dass wir auf der kleinen Schwimminsel mitten auf dem See ein Thema aus unserem deutschen Alltag diskutierten, als ich mitten ins Gespräch hinein „Stopp!“ sagte. „Lass uns hier ankommen. Es ist wunderschön!“

Diese und andere Erinnerungen notierte ich nach dem Schreibworkshop mit Stefanie Pohle und Kerstin Pilz. Die zwei Schreibtrainerinnen leiteten eine Übung an, in der die Sätze immer wieder neu beginnen mit „Ich erinnere mich…“ Für mich war beeindruckend zu sehen, welche Erinnerungssplitter sehr schnell auftauchen. Sind sie einmal aus dem Pool gefischt und notiert kann die Erinnerung schreibend genauer untersucht werden.

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