Tunnelblicke

Es ist heiß in diesen Tagen. Wir laufen auf der neuen Nordbahntrasse in Wuppertal. Früher fuhren hier Züge. Heute flirrt die Hitze über dem Asphalt und Kinder spielen auf dem Bahnsteig. Leuchtend weiße Birkenstämme vor einem frisch gestrichenen Bahnhofsgebäude stoppen meinen Blick. Wir gehen und quatschen, haben uns lange nicht gesehen und viel zu erzählen. 364 m steht auf dem Schild. Vor uns liegt ein Tunnel. Wir treten in die wohltuende Kühle ein und nehmen mit allen Sinnen wahr. Eine neue Schicht Beton auf den unebenen Natursteinblöcken des Gewölbes vermittelt Sauberkeit. Ob Angst im Winter schneller präsent wäre? „Ganz sicher!“ sagt meine Freundin, „Jetzt gibt das Licht uns Halt.“ Wir beobachten wie das Licht von hinten abnimmt und als wir eine leichte Krümmung entlang gehen, wird der Blick auf den Ausgang frei und die helle Sonne zeichnet ein Bild wie ein Dia, welches in den Projektor geschoben wurde.

An den Seiten des Tunnels sind Einbuchtungen, die mit Stangen verbaut sind. Soll das verhindern, dass jemand sich versteckt? Nicht sehr überzeugend! Wir sind beide froh zu zweit unterwegs zu sein. Schließlich treten wir wieder aus dem Gewölbe und fühlen die Hitze auf der Haut. Der Blick kann weit fliegen. Wir befinden uns auf einem Viadukt und auf Augenhöhe mit den Dächern der Stadt. Meine Freundin erzählt von ihren nächsten Plänen. Jetzt in der Erinnerung kann ich die einzelnen Dächer mit den Gesprächsfetzen assoziieren. Wir bleiben immer wieder stehen, schauen in die Tiefe, genießen die ungewöhnliche Perspektive. Auf dem Rückweg fragt sie mich, so wie nur alte Freundinnen fragen, nach den Spuren eines Verlustes, der lange zurück liegt, für mich aber sehr schmerzhaft war. Eines dieser Erlebnisse, was einen wie auf Knopfdruck in einen Cocktail aus Gefühlen eintauchen lässt. Ich erzähle, mache noch ein Foto von einem Haus bevor wir in den Tunnel eintreten und nachdem ich einige Zeit gesprochen habe, bleibe ich stehen und bemerke schließlich, dass ich gar nicht wirklich realisiert habe, dass wir bereits durch den gesamten Tunnel gegangen sind. All meine Sinne waren auf Pausentaste und meine ganze Aufmerksamkeit absorbiert in diese um die Vergangenheit rankenden Gefühle.

Im Miksang-Workshop beschreibe ich, wie wir die Wahrnehmung durch unsere ganze Anwesenheit so schulen können, dass wir die Umgebung wirklich erfahren. Auf unserem Rückweg durch den Tunnel erlebte ich das genaue Gegenteil. Obwohl ich – wie auf einer zweiten Tonspur – ein Wissen darum hatte, den Tunnel zu durchqueren, war mein Bewusstsein woanders unterwegs.

>>> Informationen zur Nordbahntrasse