Wichtiges wird klar

Die erste Welle der Erschütterungen ist einem surrealen Alltag gewichen. So surreal, dass ich glauben möchte, es sei gar nicht wahr. Doch die Erkrankten und Verstorbenen aus Ländern wie Italien und Spanien, die uns nah und vertraut und immer einige Wochen voraus sind, machen die Pandemie sehr wahr. „Wenn alles unsicher ist, wird alles Wichtige klar“, lese ich. Diese Tage sind wirklich eindringlich im Erleben, Fühlen und Schmecken von Prioritäten, Notwendigkeiten und Handlungen. Während der Zeit immer dichter werdender Nachrichten und Verordnungen bemerkte ich, wie ich versuche Referenzen herzustellen, bereits Erlebtes zu zitieren, um die Situation einordnen zu können.

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vom 26. April 1986 ist als allererstes präsent. Dieses Datum vergesse ich nicht. Ich war damals 23 und lebte in einer Wohngemeinschaft. Als wir Tage später davon erfuhren, schmiedeten wir Notfallpläne, kauften Lebensmittel auf Vorrat, weil wir erwarteten unsere Nahrung sei in Kürze vergiftet. Wir beobachteten den Verlauf der radioaktiven Wolke, studierten die Regenvorhersagen. Es war ein ebenso schöner Frühling wie dieser. Vermutlich möchte ich mich heute beruhigen, mir sagen, dass sich die Welt auch nach dieser Katastrophe weiterdreht. Wenn ich ehrlich bin, dann war das für mich so, aber ganz sicher nicht für die Menschen in der Ukraine. Tschernobyl war der in meinem Leben vielleicht deutlichste erste Einschlag. Danach folgten unzählige weitere, die jeweils den Atem stocken ließen, wenn wir offen genug waren und sind, uns berühren zu lassen. In meiner sehr persönlichen Aufzählung ist das der Jugoslawienkrieg, 9/11, der Tsunami im Indischen Ozean in den Weihnachtstagen 2004, Geflüchtete aus Kriegen und Klimakatastrophen, der Anschlag vom 13. November 2015 in Paris und sicher nicht zuletzt die neuen Rassisten in Deutschland. Diese Ereignisse prägen und im besten Fall aktivieren sie. Sie verändern die Wertschätzung dessen, was wir als Normal erachten. Sie lehren einen Umgang mit Angst und Trauer.

Wir alle möchten, so glaube ich, diese Pandemie einordnen können. Vielleicht sogar in diese Liste von einschneidenden, schmerzlichen Momenten, die (hoffentlich) vorübergehen. Sie ist jedoch nicht einzuordnen – zumindest nicht in diesem Moment. Sie ist referenzlos und fordert Vertrauen ins Nicht-Wissen, in eine offene Situation, in Freundlichkeit und Wärme, einen guten Umgang mit Anderen, mit sich selbst, mit Krankheit. Dieser Verlust von festem Grund unter den Füßen, bringt zuweilen die Gegenbewegung hervor, einen Standpunkt einnehmen zu wollen. Sich in eine Entwicklung zu entspannen, haben wir (vielleicht) noch nicht gelernt. Heute nicht zu wissen, was wir morgen denken werden, nicht geübt. Es bedarf der Präzision kluger Köpfe und wacher Bürger*innen, Journalist*innen und Politiker*innen, damit aus diesem Bündel an Aktionen, die jetzt notwendig sind, ein gerechtes, soziales System erstarkt.

Gestern sagte eine Freundin, sie habe den Eindruck, dieser offene Raum sei schwanger mit Möglichkeiten, neuen Gedanken, Netzwerken und ungeahnter Hilfsbereitschaft. „In der Not kehren die Menschen das Beste und das Schlechteste hervor.“ schreibt Giovanni de Lorenzo. Die wichtigste Frage ist doch immer, was kann ich selbst beitragen, damit die Situation gut gestaltet ist?

Es ist glasklar, dass wir fürs Erste gar nicht daran denken können zu reisen, uns zu treffen, gemeinsam die Freude einer Gruppe zu erleben. Aber wir können uns gemeinsam ermuntern, uns freuen, kontaktieren und lernen. Wir werden die Miksang Workshops neu planen, wenn Gruppen erlaubt und Reisen möglich sind und wir hoffentlich zu einem stabilen Alltagsleben zurückgefunden haben.

Dieses Interview mit David Kessler finde ich lesenswert. (Schreib mir und ich sende dir meine Übersetzung ins Deutsche) und dort schließt sich der Kreis. David Kessler empfiehlt immer wieder in die Gegenwart zurückzukehren. Fotografie kann dein persönliches Handwerkszeug sein, genau das zu tun.

Einige haben mir in den letzte Tagen geschrieben, dass sie jetzt dazu kommen mein Buch ‚Freude am Sehen‘ zu lesen und es sehr passend finden in dieser Situation. Das freut mich natürlich,

Finde hier eine immer wieder aktualisierte Liste von Vorschlägen und schreibe mir auch gerne deine Hinweise.

Zum Abschluss möchte ich Greta Thunberg zitieren: Let’s keep our numbers low and our spirits high!

Weitere unsortierte Gedanken
– Ich bin zutiefst dankbar für eine werteorientierte und krisenerfahrene Kanzlerin und sehe wie privilegiert eine Versorgung in Deutschland ist.
– In der Warteschlange zur Picasso Ausstellung infizierten sich Menschen sicher gleichermaßen wie in anderen Menschenansammlungen. Benutze Corona nicht, um rassistische oder diskriminierende Klischees zu bedienen.
– Ich habe ein neues Zeitungsabonnement. Bereits nach diesem Erdrutsch von Erfurt dachte ich: Journalismus muss auch finanziert sein!

Kommentare (4)

  1. Thank you for this Hiltrud. I enjoyed reading it twice. I particularly enjoyed your more I sorted thoughts.

    • Hiltrud Enders

      Thank you so much, Terry, for stopping by and taking your time reading my thoughts.

  2. Wolfgang Jordan

    Danke für diese Gedanken: ermutigend, inspirierend, lebensbejahend – trotz allem. Solche Gedanken sind meine Kraftquellen schon seit vielen Jahren meines Lebens. Aber gerade jetzt, in den Zeiten der Krise, tritt meine Dankbarkeit für die kleinen, täglichen Geschenke des Lebens – bisher als solche kaum wahrgenommen – viel mehr in den Vordergrund. Erst, wenn der Joghurt nicht mehr im Regal steht, merkt man, mit welcher Gedankenlosigkeit man ihn bisher eingekauft hat. Und das gilt auch für Vieles, worüber ich einfach hinweggelebt habe. So bin ich sehr dankbar für diese Zeit meiner persönlichen Erneuerung.

    Bitte schick mir das Interview mit Davis Kessler in deutscher Sprache; danke.

  3. I also enjoyed reading this article Hiltrud. Thank you for sharing your experience in such a profound, reflective and accessible way. Yes, the urge to understand, classify and control is great especially at times like these; but so is the desire to surrender to the timeless, boundless forces which arise from the source of creation, and which range far beyond the limits of our rational knowing. I wrote the article ‚Photography, Creation and the Source Perception‘ (which appears on my website below) after many months of solitary walking, photographing the Dutch coast. I share it here in the hope that it may encourage other photographers now going through different kinds of solitude.

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