Erinnerungen

Meine Erinnerung setzt früh ein in meiner Kindheit. Menschen sprechen, ich gehöre dazu und es fühlt sich an, gleich einer Bewegung, mit meiner Hand Licht einfangen zu wollen.

Eis schmilzt, jemand lacht.
Wolken ziehen, weiß vor blau.
Wald völlig einatmend, bevor grün.
Leicht entrollen sich die Blätter
Ein Duft.

Manchmal spüre ich bereits mitten im Moment, dass dies eine Erinnerung sein wird. Ist es die Intensität des Erlebens, dieses freudige Empfinden, dass etwas jetzt da ist und gleichsam vergeht. Glück verwehend. Wäre es nicht schön dieses Verwehen auch bei Schmerz mit zu empfinden?

Ich wünschte mir einen Sinn für Erinnerungen. So wie ich einen feinen Geschmackssinn habe, so wie ich sehen genieße, rauh und glatt taste, Gerüche unterscheide und Geräusche mich orientieren im Raum. Ein Satz, eine Körpererinnerung, ein weiter Blick, ein Tempo, eine gemeinsames Erleben. Dieser Sinn für Erinnerungen hilft mir nicht schlechte zu vermeiden. Was wird als Moment schlechter Erinnerung an diese Zeit bleiben? Der Autor Daniel Schreiber sagt wir durchleben sie ja eigentlich in einem ständigen Wechsel von Verdrängung und Wachheit. Dasein kann ich nicht wollen, nur einladen. Es eröffnet sich oder eben nicht. Flüchtig, fragil, leicht und hundertprozent.

Wir bilden uns immer ein Dinge bleiben, existieren, sind von Dauer. Wir richten unsere Navigation darauf aus, unsere Ziele, unseren Material- und Energieeinsatz. Unsere Prioritäten. Und dann kommt alles anders. „Dabei sind wir bereits nach dem Mittagessen jemand anders, als vor dem Mittagessen“, sagt ein Freund lachend. Jedoch glauben wir an dieses Kontinuum, welches uns ein Gefühl von Sicherheit verspricht.

Ich bin eine Bewahrerin. Wenn Andere mühsam die Wohnung verstorbener Eltern ausräumen, denke ich an meine Sammlungen. Die Mutter einer Freundin hatte unzählige Nagelscheren, der Vater eines Freundes hunderte von Kleiderbügeln. In meiner Wohnung lagere ich in Schubladen und Kisten nutzlos Schönes. Kostbare Papiere, bemalte Steine, natürlich Bücher, aber auch einen Pullover aus meiner Kindheit mit dem ich verbinde, mich frei gefühlt zu haben und das English-Dictionary meiner Mutter. Erinnerungen an Physisches zu binden, ist aus der Mode gekommen.

Zur Erinnerung werden auch Versionen von Geschichten, die wir uns selbst immer wieder erzählen. Nachreden, die wir erfinden, die durch die Wiederholungen zu Wahrheiten werden.

Heute Morgen kaufte ich auf dem Markt Lupinen. In mir klingen die 70er-Jahre an: Vom Rücksitz des VW Variants betrachte ich den Rand der neu gebauten Autobahn und sehe hunderte von ihnen als erste Blüten auf den kargen Randstreifen.

Erinnerungen sind wie fein verzweigte Wurzeln in dieser Zeit, in der wir nach Vertrauen in den Wandel von Erschütterungen und Zerstörung suchen. Manches wird zerbrochen bleiben. Und d e n n o c h würde Hilde Domin sagen: „Der Baum blüht trotzdem.“

Welche deiner Erinnerungen ist eine Ermutigung? Welche navigiert zu neuen Ideen? Welche weckt Sehnsucht?

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